Die untergegangene Welt der Wölker-Brauerei in Mendig

Mehrere Zehnermeter unter der Erde liegt am Laacher See ein Biermuseum der ganz besonderen Art

Die kleine Stadt Mendig am Laacher See war einst Deutschlands Brauereihauptstadt, nur 2800 Einwohner hatte Mendig, aber 28 Brauereien. Also eine Hochburg des Alkoholismus? Keineswegs war es so und die Geschichte des Niedermendiger Brauereiwesens begann in gewisser Weise bereits 1457 in Böhmen. Da gründete sich im katholischen Böhmen die Böhmische Brüder-Unität als evangelische Kirche. Fast 200 Jahre lang lebten die Böhmischen Brüder als Minderheit in Böhmen. Im Dreißigjährigen Krieg wurden die Böhmischen Brüder zerschlagen und verfolgt, eine Gruppe von ihnen tauchte später in der sächsischen Oberlausitz auf. Hier gründeten die Nachfahren der Böhmischen Brüder im Jahre 1722 den Ort Herrnhut, der junge Reichsgraf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf war Lutheraner und bot ihnen Land zur Ansiedlung an.

Glaubensflüchtlinge aus den unterschiedlichsten Regionen und den unterschiedlichsten Glaubensrichtungen stießen zu ihnen, aus diesem zusammengewürfelten Haufen entstand die Herrnhuter Brüdergemeine, aus der sich relativ schnell eine sich in alle Welt ausdehnende Kirche entwickelte. 1732 bereits zogen die ersten Missionare in die Karibik. 1750 kamen die ersten Mitglieder der Brüdergemeine auf Einladung des Grafen Johann Friedrich Alexander zu Wied in die 1653 gegründete Stadt Neuwied. Neben diversen anderen Gewerben betrieben die Herrnhuter in Neuwied auch eine Brauerei. Nun waren die Kelleranlagen in Neuwied zum Bierbrauen nur eingeschränkt geeignet, auch andere Keller in Fahr, Heddesdorf und Plaidt lieferten keine zufriedenstellenden Ergebnisse. Josef Gieser, Braumeister und Leiter der Herrnhuter Brauerei in Neuwied, drängte deshalb darauf, in den Felsenkellern von Niedermendig ein Sudhaus einzurichten. Über viele Jahrhunderte ist unter dem Ort Niedermendig ein gewaltiges, nahezu drei Quadratkilometer großes Labyrinth von 30 Metern unter der Erde gelegenen Felsenkellern entstanden. Mehr Informationen dazu lesen Sie hier.

Altes Basaltabbaugebiet unter der Vulkanbrauerei

Und nun wurde unter Niedermendig Bier gebraut. Ganzjährig lagen die Temperaturen hier bei etwa 6-8°C, was ideal war für die Herstellung eines untergärigen Bieres. Die Herrnhuter verlegten ihre Brauerei komplett nach Niedermendig, mit der Zeit kamen 27 weitere Brauereien hinzu, die die Vorteile der riesigen kühlen Hallen nutzen wollten. Auch wenn dort unten noch Basaltmühlsteine hergestellt wurden, so war doch mehr als ausreichend Platz für Mühlsteinbauer und Brauer. 1876 erfand Carl Linde die Kühlmaschine, fatal für Mendig, denn die Brauereien konnten ihre Kühlräume nun dort errichten, wo ihr Bier auch getrunken wurde und sie wanderten aus Mendig ab. 1986 stand dann auch die letzte Mendiger Brauerei vor dem Aus, die Wölker-Brauerei stellte den Betrieb ein. Mendig, einst Deutschlands Brauerei-Hauptstadt, stand ohne Brauerei da. Versuche, durch Wicküler und Peter Weber, diese Brauerei wiederzubeleben, waren nicht von besonderem Erfolg gekrönt.

Historische Darstellung des Mühlsteinabbaus unter Mendig

Welch ein Glück, dass Malte und Hannes Tack, deren Familie die Rhodius  Mineralbrunnen im Brohltal gehören, ihre Chance sahen und die Brauerei kauften, modernisierten und zu neuem Glanz führten. Heute ist die in Vulkan Brauerei umbenannte Wölker-Brauerei ein Anziehungspunkt weit über die Region hinaus und hat aufgrund ihrer phantasievollen Bierspezialitäten auch keine Konkurrenz vom Brauriesen Bitburger zu fürchten. Aber nicht nur oberirdisch wurde die Tradition gewahrt, auch die unterirdischen Brauereikeller wurden zu einen eindrucksvollen Geologie-, Bergbau- und Brauereigeschichtsmuseum ausgebaut. Die Lavakeller der Vulkanbrauerei sind im Rahmen von Führungen zugänglich.

Im Brauereikeller der Vulkanbrauerei

Imposant ist die Tour in die Lavakeller. 153 Stufen führt die recht steile Treppe hinunter (nicht barrierefrei) in eine Welt wie vor unserer Zeit. Wir wandern dort durch das alte Abbaugebiet, in dem jahrhundertelang Basaltmühlsteine hergestellt wurden und stehen staunend in den gewaltigen Hallen, wenn wir bedenken, dass sie komplett in Handarbeit mit Hammer und Meißel hergestellt wurde. 

Layer bei der Arbeit – heute sind es nur noch Pappkameraden

Wir wandern in dieser Unterwelt in einem Basaltlavastrom, der vor 250.000 Jahren aus dem nahe am Laacher See gelegenen Wingertsberg-Vulkan ausgeflossen und zu hochwertigem Mühlsteinbasalt erstarrt ist. Es sind tatsächliche Originalschauplätze, Originalwerkzeuge liegen herum, kaum etwas wurde verändert. Sogenannte „Diebeswände“ zeugen vom Konflikt der schwer arbeitenden Layer und des erfrischenden Bieres in den Hallen nebenan. Irgendwann geht es um die Ecke, durch eine Pforte in solch einer Diebeswand gelangen wir in die alten Brauereianlagen der Wölker-Brauerei. Alte Gär- und Lagertanks füllen die Säle, ein Lost-Place der feinsten Kategorie. 

So ändern sich die Zeiten, aus Wölker wird Vulkan, die alten Flaschen sind heute begehrte Sammlungsobjekte und wie das aktuelle Design der Bierflaschen aussieht, das schauen Sie sich am besten bei einem Ausflug nach Mendig selber an.  Weil sie vorher in der Arbeitswelt der Layer unterwegs waren, wird Sie ein frisches Vulkanbier im Brauhaus oder draußen im Biergarten bestens erfrischen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.