Mausohren in den Mayener Lavakellern

Die Unterwelt der Osteifel – Im dunklen Reich der Fledermäuse

Basalt ist nicht nur ein Gestein für Mühlsteine und Straßenschotter, offensichtlich wird er gelegentlich auch sehr wichtig für Fauna und Flora und für den Naturschutz – nämlich nach seinem Abbau. Aber die Geschichte beginnt mit Landschaftszerstörung größeren Ausmaßes. Landschaften werden verändert, markante Landmarken verschwinden, die Natur wird geschändet, Vulkane werden abgebaut, Lavaströme werden zerkleinert. Vereinfacht gesagt gibt es in der Vulkaneifel drei Lava-Arten : Schlacken, Tuffe und Basalte.

Basalt entsteht aus einer quarzarmen Lava, die meist genüsslich langsam aus einem Vulkan als Lavastrom ausfließt. Die basaltischen Lavaströme bedecken oft große Flächen, sie werden auch großflächig abgebaut und zurück bleibt eine graue Schluchtenlandschaft. Heute werden überwiegend Senksteine für die Küstenbefestigung aus dem Rheinischen Basalt gemacht, er wird zu Schotter und Split zertrümmert, früher wurden Pflastersteine für den Straßenbau daraus geschlagen. Heute noch wird er in den Mendiger und Mayener Steinbrüchen als hochwertiges Material für Fassaden, Treppenstufen und ähnlichem abgebaut.  Mit Basaltsäulen sind lange Abschnitte des Rheinufers befestigt, Basaltsäulen sichern die Küsten deutscher Nordseeinseln. Und früher wurden Mühlsteine hergestellt, wenn der Basalt ganz besondere Eigenschaften hatte. Sehr porös musste der Basalt sein, viele kleine Gasbläschen in der glühend ausfließenden Lava blieben im harten Gestein zurück und schufen Porosität, die vielen kleinen scharfen Kanten im Gestein schlitzen das Korn auf, es lässt sich mahlen.

Aber nur wenige Basaltvorkommen haben diese Eigenschaft, große Mengen dieses Mühlsteinbasaltes liegen tief unter der Erde von Mendig und Mayen in der Osteifel, es sind die Lavaströme des Wingertsberges bei Mendig und des Hochsimmers bei Mayen. Um an diesen wertvollen Stein zu gelangen, gruben sich die Menschen jahrhundertelang in die Tiefe und hämmerten tonnenschwere Mühlsteine aus dem Basalt, zurück blieben die gewaltigen Lavakeller von Mendig und Mayen mit Deckenhöhen von bis zu 20 Metern. Über Jahrzehnte lagerten die Brauereien in diesen stets etwa 8°C kalten Kellern Bier. Als dann aber die Kühlmaschine erfunden wurden, wurden die Keller für das Bier nicht mehr benötigt. Ungefähr 1960 wurden in Mendig die letzten Basalte unterirdisch abgebaut, seitdem liegen die Keller leer. Die Mendiger Keller sind zum Glück großteils erhalten, über ihnen steht eine Stadt. Die Mayener Keller sind weitgehend dem jüngeren Basaltabbau im Tagebauverfahren zum Opfer gefallen.

Unterwegs in den Lavakellern von Niedermendig

Der Zoologe Dr.Andreas Kiefer und andere Mitglieder des rheinland-pfälzischen NABU sind schon lange in Eifel und Hunsrück unterwegs und suchen Fledermäuse in verlassenen Gebäuden und alten Bergbaustollen, derer es in diesen Regionen sehr viele gibt. Immer wieder hingen hier und da ein paar Fledermäuse, diese wurden bestimmt, notiert und beobachtet. Aber gewaltig waren die Stückzahlen nicht. Irgendwann meldete sich bei den NABU-Leuten Stefan Stein, ein junger Steinmetzt aus Brachtendorf, der sie interessiert beobachtet hatte und so nebenbei meinte, wenn sie Fledermäuse suchen würden, sollten sie doch mal nach Mayen und Niedermendig gehen, dort wäre viele. Natürlich lächelten sie ein bißchen, große Stückzahlen sind ja immer relativ in der Sicht des Betrachters. Zumindest wollen sie sich das mal anschauen, fuhren dorthin, besuchten die alten Mayener Bierkeller und trauten ihren Augen nicht. Dort hingen nicht viele Fledermäuse an der Decke, es waren Unmengen und es wollte kein Ende nehmen. Hunderte von Stollen hatten die NABU-Leute im Hunsrück und in der Eifel während des Winters durchsucht, aber hier zählen sie an einem Tag mehr Fledermäuse als während des gesamten Winters zuvor. Das größte Fledermausquartier von Rheinland-Pfalz und eines der wichtigsten in Europa war entdeckt. Heute weiß man, das jeden Winter etwa 50.000 Fledermäuse hier ihren Winterschlaf verbringen. Andreas Kiefer, schon als Jugendlicher begeistert im Fledermausschutz engagiert, war aus dem Häuschen vor Begeisterung und ihm wuchs die Erkenntnis, dass diese Überwinterungsplätze der Fledermäuse nicht dem Bergbau zum Opfer fallen durften. Auch die Stadt Mayen dachte damals noch an eine touristische Nutzung des Grubenfeldes – schließlich war es eine bizarre Landschaft aus Felsschluchten und alten Bergbaukränen. Und glücklicherweise kann diese Bergbaulandschaft noch heute in der „Erlebniswelt Grubenfeld“, der Ettringer Lay und dem Kottenheimer Winfeld besichtigt werden.

Mit einer Gruppe anderer Fledermausforscher der Universität Mainz fing Andreas Kiefer immer mehr Fledermäuse in großen Netzen, neue Fangtechniken wurden entwickelt und so konnten die Forscher immer mehr Arten und immer größere Stückzahlen nachweisen. In einer Nacht fingen sie über 100 Exemplare der seltenen Bechsteinfledermaus – eine Sensation. Mittlerweile sind 17 Fledermausarten nachgewiesen. Über 100.000 Fledermäuse überwintern jedes Jahr in den Lavakellern von Mayen und Niedermendig.

Das diese Räume für die Fledermäuse weiterhin bestehen, war gar keine so einfache Angelegenheit, wirtschaftliche Interessen standen dem entgegen, aber Andreas Kiefer hatte es sich zum Ziel gesetzt, das Mayener Grubenfeld für die faszinierenden Fledermäuse zu retten. Untersuchungen zeigten, dass hier nicht nur rheinland-pfälzische Fledermäuse überwintern, sondern auch Fledermäuse aus Hessen, NRW und dem Norddeutschen Tiefland, ja sogar aus Luxemburg, Belgien und den Niederlanden kommen sie angeflogen, um hier zu überwintern. Wieso aber zieht es sie alle nach Mayen und Niedermendig? Die Grubenfelder liegen an der nördlichen Grenze der Mittelgebirge, im Tiefland gibt es nicht genug Überwinterungsquartiere, Höhlen sind in der Niederrheinischen Bucht keine vorhanden. Also wählen die Fledermäuse dieser Regionen das nahegelegenste Ziel, die gewaltigen Lavakeller südlich und südwestlich des Laacher Sees. Heute gilt das Mayener Grubenfeld als das wichtigste Überwinterungsquartier für Fledermäuse in Deutschland.

Blick in die Lavakeller unter Niedermendig

Welch ein Glück, das hier Basalt abgebaut wurde. Sprachen wir vorhin noch von Landschaftszerstörung, muss man nun erkennen, dass die großen Steinbrüche wichtige Lebensräume für Tiere und Pflanzen darstellen, wenn sie erst einmal stillgelegt sind und offenbleiben. In keinem Fall dürfen dort Erd- oder gar Mülldeponien entstehen. Ein derartiges Drama konnte gerade erst am Wartgesberg bei Strohn in der Westeifel verhindert werden. Dort wird nun noch viele Jahre Schlacke und Basalt abgebaut werden, aber irgendwann werden auch die riesigen Steinbrüche des Wartgesberges zum Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten werden. In den Steinbrüchen brüten heute Uhus, in Tümpel leben Nattern, Frösche und Kröten, an feuchten Stellen im Gestein kriechen Salamander umher. Viele Pflanzenarten siedeln sich dort an.

Heute sind die Stollen des Mayener Grubenfeldes für die Fledermäuse reserviert. Das es soweit kommen konnte, ist dem unermüdlichen Einsatz der Fledermausforscher des NABU Rheinland-Pfalz zu verdanken. Ein millionenschweres Großprojekt wurde initiieret und im Frühjahr 2013 vollendet. Zunächst mussten die Stollen im Mayener Grubenfeld angekauft werden, nicht so einfach, denn ein Bergbauunternehmen hatte Abbaurechte und somit klare wirtschaftliche Interessen. Die Lavakeller waren und sind an vielen Stellen auch nur in bedingt gutem Zustand, an manchen Stellen gar einsturzgefährdet. So mussten Sicherungsmaßnahmen ergriffen werden. Das Bundesamt für Naturschutz, das Land Rheinland-Pfalz und der NABU-Landesverband Rheinland-Pfalz stellten letztlich über fünf Millionen Euro für dieses Projekt zur Verfügung. Die Basaltstollen konnten angekauft werden. Das Gewölbe, also die Decke aus den oberen Resten der abgebauten Basaltsäulen mußte einsturzsicher gefestigt werden, wozu spezielle Klebeverfahren verwendet wurden. Manche tragenden Säulen wurden mit Beton verfestigt, in einem Keller wurde gar eine neue Stahlsäule aufgestellt. Sanierungsmaßnahmen in den Lavakellern sind auch im Mendiger Lavakeller zu besichtigen.

Vier der insgesamt 16 Stollen auf dem NABU-Gelände wurden saniert – keine einfache Angelegenheit, da die Decken von oben nicht mit schwerem Baugerät befahren werden können. Drei verschüttete Schächte wurden bis in 12 Meter Tiefe aufgebaggert, dadurch wurden für die Fledermäuse neue Stollen geöffnet. Das Kerngebiet des Mayener Grubenfeldes wurde eingezäunt, die Stolleneingänge wurden vergittert. Die Fledermäuse haben so ihre Ruhe. Interessant ist ein Fledermauswanderweg im Mayener Grubenfeld, der am Eingang des Museums Erlebniswelt Grubenfeld in Mayen beginnt. In den Boden sind über 100 Betonfledermäuse eingelassen, die als Wegweiser dienen und an den vielen Fledermausinformationen vorbeiführen, auch am bereits erwähnten Schacht 700, in den wir hinabsteigen können um einen Blick auf diese großartige Unterwelt zu werfen.

Noch ein Bewohner der Mayener Lavakeller, der sich allerdings auch an den Fledermäusen gütlich tut.

Der Naturschatz hat gleichzeitig auch diesen einzigartigen Kulturschatz gerettet, denn die Mayener Lavakeller wäre sonst durch den Tagebau zerstört worden. Diese Lavakeller, die  in jahrhundertelanger Handarbeit von Berglautern mit Hammer und Meißel geschaffen wurden, sind ein wertvolles Zeugnis der Geschichte des Lebens und der Arbeit der Menschen in der Vulkaneifel. Durch Jörn Kling, einen Diplomgeographen aus Königswinter war auch die kulturgeographische Seite in diesem Projekt in Mayen und Mendig mehr als gut abgedeckt. Jeder Hohlraum und jede Bergbauhinterlassenschaft wurden in Mayen und Mendig von Jörn und Andreas Kiefer kartiert. Der Erhalt der Stollen konnte nur durch eine einzigartige Zusammenarbeit von Naturschutz, Bergbau und Denkmalschutz (hier dem Geschichts- und Altertumvereins in Mayen – GAV und dem VAT) gelingen. Diese Zusammenarbeit geht bis heute weiter, da beide Kommunen gemeinsam anstreben in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes zu gelangen.

Spannend ist die Geschichte nach den Plätzen, an denen die Fledermäuse schlafen. Die Fledermausforscher zählen mit Fotofallen und anderen Messgeräten große Fledermausmengen, konnten diese aber in den Höhlen nicht wiederfinden. Wo bloß versteckten sich die Tiere? Wer im Schacht 700 oder in den Mendiger Lavakeller sich umschaut, sieht auf dem Boden große Mengen abgeschlagener Lavabrocken liegen, manchmal sind diese Reste der Mühlsteingewinnung meterhoch. Und tatsächlich, Fledermäuse hängen nicht nur unter der Decke, sie krabbeln auch sehr tief in diese Schuttmassen hinein und findet dort ein Winterquartier.

Viele Informationen über die Mayener Fledermaushöhlen auf der Homepage des NABU

www.nabu-mayener-grubenfeld.de/

Jederzeit einen Blick in die Lavakeller werfen lässt sich an Schacht 700 in der Erlebniswelt Grubenfeld in Mayen

www.vulkanpark.com/landschaftsdenkmaeler/mayener-grubenfeld/

Die gewaltigen Fledermaus-Höhlen können zur BatNight besichtigt werden, die traditionell am letzten Augustwochenende stattfindet. Infos im Internet.

Wer die Unterwelt der Lavakeller einmal in voller Größe erkunden möchte, besucht die Mendiger Lavakeller, hier hängen im Winterhalbjahr auch immer etliche Fledermäuse an der Decke. Die meisten allerdings sind irgendwo in den unzugänglichen Tiefen dieser Höhenwelt versteckt.

www.lava-dome.de

Diese Lavakeller, egal ob in Mendig oder Mayen auf eigene Faust zu erkunden, steht nicht nur dem Naturschutz entgegen, es ist auch lebensgefährlich.

Wunderschön, diese Fledermauslager zu entdecken. Es sind faszinierende Tiere – Foto : Andreas Kiefer

Das ultimative Handbuch zu den Fledermäusen von Dr.Andreas Kiefer und Christian Dietz

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